Deutsche und westfälische Landhühner
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Die erste Domestikation des Landhuhns weist auf die alten Kulturländer in Indien und Ostasien hin. Die arischen Inder waren schon im Altertum ein seßhaftes, Ackerbau und Viehzucht treibendes Volk. Sie hielten neben anderen Haustieren auch Geflügel und bewohnten Indien zwischen Pendschab und den fruchtbaren Talländer an Indus und Ganges, der Urheimat unserer wildlebenden Kammhühner. Die geistige Entwicklung dieses in patriarchalischen Verhältnissen lebenden Volkes können wir von frühesten Zeiten an, mindestens seit 1500 Jahre v. Chr. bis in die Gegenwart durch ihre Denkmäler und sehr umfangreiche Literatur zurückverfolgen. Der Einfluß ihres geistigen Lebens hat sich auch viel weiter nach Ostasien erstreckt, als gewöhnlich von uns angenommen wird. Die gesamte wissenschaftliche und poetische Literatur Hinterindiens, der Sundainseln und Japans ist indischen Ursprungs, und selbst das seit urältesten Zeiten kultivierte China hat sich diesem Einfluß nicht zu entziehen vermocht. Mit der indischen Literatur haben auch die indischen aus- und Luxustiere ihre Verbreitung in diese Länder gefunden. Haushühner findet man selbst auf vielen sehr entlegenen Inseln der verschiedenen Erdteile. Somit können wir mit Sicherheit annehmen, daß wir viele unserer Rassen, besonders aber die Riesenhühner, den Züchtungskünsten der Ostasiaten verdanken. Unsere alten westfälischen Landhühner und alle anderen Schläge in Europa sind nicht die unmittelbaren Nachkommen dieser Riesenhühner. Ihre Heimat ist eher in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, England, Holland und Griechenland zu suchen.
In Deutschland, auch in unserer Heimat Westfalen, werden diese Hühner schon seit dem Mittelalter teils freilaufend, teils auf den Höfen der Dörfer und Städte gehalten. So haben sie sich im Laufe dieser Zeiten förmlich in unsere Verhältnisse eingelebt. Diese Landhühner waren über Jahrhunderte unsere eigentlichen Nutzhühner, denn sie waren gegen die rauhen Einflüsse unserer langen Winter und schroff wechselnden Frühjahre abgehärtet. Sie suchten auf den Wiesen und Dorfplätzen ihr Futter selber, wenn sie nur bei allzu strengen Wintern ihrer Nachtplatz in den Häusern bekamen. Unsere deutschen Landhühner mit ihren verschiedenen Rassen, Stämmen, Schlägen oder Zuchten hatten sich an unser Klima gewöhnt, es waren gesunde, lebensfrohe und zutrauliche Tiere, deren Züchtung eine unerschöpfliche Fundgrube für den Liebhaberzüchter war: Sie waren klein und groß, glatt oder federfüßig, mit Steh-, Schlapp- oder Rosenkämmen. Die Farben waren goldfarbig, wildfarbig, silberfarbig.
Unsere westfälischen, aber auch viele deutsche Rassen gehen aus diesen Landhuhnschlägen hervor. Seit etwa 1800 züchteten Hühnerhalter in der auserlesenen Farbe intensiv weiter, sie behielten die schönsten Tiere, und die minderwertigen kamen auf den Tisch. So bildeten sich mit der Zeit die Grund- und Zeichnungsfarben immer schärfer und brillanter heraus und verschönerten sich so, daß man im Laufe nur weniger Jahrzehnte Resultate erreichte, die niemand zu ahnen gewagt hatte, weil Mutter Natur mithalf und ihr Spiel trieb. Dieses Spiel, das sich in jedem Frühjahr wiederholt, ist die große Kraft, die auch in unserem Jahrhundert über 180000 Geflügelfreunde in Deutschland zusammenbringt:
Aus unseren Landhühnern entwickelten sich die Gold- und Silbertupfen unserer Hamburger, die Gold- und Silbersprenkel, die ostfriesischen Möven, die Brakel, unsere westfälischen Lakenfelder, die Krüper aus dem Bergischen Land und aus Westfalen, unsere westfälischen Totleger, die Rheinländer, Vorwerkhühner, Ramelsloher und Thüringer Barthühner.
Um 1850 sank die Zahl der Liebhaber unseres alten westfälischen Landhuhnes. Möglicherweise, weil seine Nutzeigenschaften deutlich nachließen. Auch die Körpergröße entwickelte sich zurück, die Nachzucht wurde erschwert. Das Landhuhn war also in seinem Bestand bedroht. Ein weiterer Tatbestand begünstigte die Vernachlässigung und die Nichtbeachtung des Landhuhnes in Deutschland: Züchter und Halter wurden mit den Rassezuchten anderer Länder bekannt, die Überlegenheit des Auslandes in der Rassegeflügelzucht, in erster Linie England, ließ den deutschen Züchter nach den gepriesenen fremden Rassen greifen. Das Fremde reizte und lockte so sehr, daß wir die Schätze übersahen und vergaßen, die wir in dem Landhuhn besaßen. Das bodenständige Landhuhn aber fand seinen Untergang in der Vermischung mit den Landfremden. Wenn man heute von Landhuhntypen spricht, so meint man nicht unser altes Landhuhn, sondern an die aus ihm hervorgegangenen Rassen wie zum Beispiel unsere westfälischen Totleger. Im vorigen Jahrhundert wurde ein Sonderverein gegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die gesamten deutschen Landhuhnrassen zu fördern. Es war die Germania. Die Organisation erarbeitete eigene Standards, um die Zucht der alten deutschen Rassen voranzutreiben.
- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 12. Mai 2011 21:17
